Politische, praktische und solidarische Gemeinschaft

Der folgende Text ist von einer lokalen Seite aus Leipzig übernommen:

„In Wirklichkeit war das Einzige, was wir vorgeschlagen haben, die Welt zu verändern; den Rest haben wir improvisiert.“ Subcomandante Insurgente Marcos.

Wir sitzen in einem verrauchten Raum mit vielleicht so 10 Personen. Auf dem Tisch liegt ein Haufen von Orangen und Mandarinen neben einer Skyline von Kaffeebechern. Der Straßenlärm dröhnt, meine Finger graben sich in die Schale einer Orange, während ich abwechselnd griechischen und englischen Beiträgen zum Plenum lausche. Das Plenum geht seit ein paar Stunden, es gibt keine Pause. Zwischendurch gehen Menschen raus, holen sich Tee, Kaffee. Wir, ein Haufen deutscher Kartoffeln werden uns später darüber unterhalten, wie wenig wir gewöhnt sind, auf Plena zu sitzen, die länger als 2 Stunden gehen. Ich, in Deutschland sozialisiert und dort aktuell sich am meisten aufhaltend, bin zunächst überfordert.

Wir analysieren: wir kennen die Trennung zwischen „Politik“ und „Freizeit“, wir kennen politische Aktivität u.a. auch als „Lifestyle“. Hier haben wir das Gefühl, politischer Aktivismus wird von den Menschen gelebt. Also bleiben wir die fünf Stunden, bis das Treffen, im sogenannten Socialcenter, einer der Gemeinschaftsflächen des Prosfygika, ein Ende findet.

Geschichte

Das Prosfygika befindet sich in Athen, Griechenland an der Alexandria Allee, besteht aus 8 Wohnblöcken und grenzt auf der einen Seite an ein Polizeipräsidium und auf der anderen Seite an den Obersten Gerichtshof.

„Die Vergangenheit und Gegenwart von Prosfygika führt einem den Kampf der Arbeiter:innen und Unterdrückten vor Augen. Jener, die niemals einen soliden Boden unter ihren Füßen hatten und diejenigen, die niemals aufgehört haben zu kämpfen. Man kann das Rattern der Maschinengewehre der Guerilla und die Guerilla-Reiter noch von Haus zu Haus durch die Einschusslöcher des Aufstandes
vom Dezember 1944 schallen hören.“ (Ausschnitt der Homepage von Prosfygika)

Der Gebäudekomplex von Prosfygika wurde 1933 gebaut, um die Flüchtlinge aus Kleinasien unterzubringen. Unter diesen Bedingungen entstand ein lebendiges Arbeiterviertel mit kommunalen Merkmalen. Während der deutschen Besatzung und später im Bürgerkrieg war Prosfygika eine Festung des antifaschistischen Widerstands. Die ganze Gemeinschaft war daran beteiligt, Kämpfer*innen aufzunehmen und geheime Durchgänge zwischen den Wohnungen zu bauen. Heute ist Prosfygika einer der größten Gebäudekomplexe im Zentrum von Athen, der noch nicht gentrifiziert und von den großen Fonds oder dem Staat ausgebeutet wurde.

In den 2000ern beschlossen einige Aktivist:innen, die bereits als Hausbesetzer:innen in dem Viertel lebten, sich zu organisieren. Sie riefen im Jahr 2010 die Gemeinschaft der besetzten Prosfygika ins Leben, die als zentrales politisches Entscheidungsorgan SY.KA.PRO, die Versammlung der besetzten Prosfygika, hat. SY.KA.PRO fungiert als gemeinschaftliches Gremium für das tägliche Leben und den politischen Kampf. Zum Zeitpunkt dieses Textes ist das Jahr 2022 und das Projekt hat eine politisch geeinte Nachbarschaft, zahlreiche besetzte Wohnungen, autonome Gemeinschaftsstrukturen, die die Bedürfnisse von Dutzenden von Menschen abdecken, eine konstante Beteiligung an lokalen und internationalen Kämpfen und eine große revolutionäre Perspektive. Die Lage der Community zwischen dem Gericht und der Polizeistation führt zu einer höheren Polizeipräsenz im Viertel, hält aber die Prozesse der Community nicht wesentlich auf. Zur Gefahr kann allerdings die drohende Gentrifizierung im Viertel werden. Die Stadt Athen plant umfassende Sanierungs – und Aufwertungsmaßnahmen in der ganzen Stadt. Für das Areal der Nachbarschaft liegen schon Pläne vor. Die zeitliche geplante Umsetzung dieser ist aber zum Zeitpunkt dieses Textes noch unklar.

Die Gemeinschaft & Organisierung

Nach diesen fünf Stunden, verlasse ich den Raum, in dem wir das große Plenum hatten. Wir waren etwa 40 Menschen am Anfang, am Ende sind wir so um die 15. In den Gesichtern hängt die Müdigkeit, ich gehe ohne Umwege Richtung dem Block, in dem ich gerade schlafe. Mein Mitbewohner:innen sitzen bereits in der kleinen Küche an den Klapptisch gequetscht und trinken Tee und nehmen einen nächtlichen Snack zu sich. Wir unterhalten uns, über das Plenum, über Prosfygika, über SY.KA.PRO.. Es leben hier insgesamt gerade um die 150 Menschen, die ein Teil der Gemeinschaft sind. Nicht alle Wohnungen sind von Menschen bewohnt, die zur Community gehören. Manche Wohnungen sind von Menschen besetzt, die kein Teil sind. Gegenüber von unserer Wohnung wohnt eine ältere Frau, die manchmal, wenn wir die Tür verlassen ihr Nase in den Türspalt klemmt und uns argwöhnisch beobachtet. Einmal, sitzen wir auf dem Dach, mit Blick auf das gegenüberliegende Fussballstadion und die ältere Frau kommt nach oben, beschimpft uns auf Griechisch. Wir reagieren nicht drauf, bleiben sitzen. Sie sperrt uns aus und wir müssen über die Dächer durch ein anderes Haus den Weg zurück nehmen.

Die Gemeinschaft ist der organisierte kollektive Teil von der Prosfygika Nachbarschaft und den solidarischen Menschen. Mitglieder der Gemeinschaft sind diejenigen, die sich selbst als solche anerkennen und mit ihr organische Bindungen bzw. Beziehungen pflegen. Je nach dem Kontext und Rahmen des Mitglieds, verpflichten sie sich der Gemeinschaft. Sie sind miteinander auf vielen Ebenen verbunden, so auch auf der politischen, praktischen und solidarischen.

„Prosfygika ist ein selbstorganisiertes Projekt auf Grundlage des Antikapitalismus, Antifaschismus, Antisexismus und internationaler Solidarität. Es basiert auf den Prinzipien und Werten der Freiheit, Gleichheit, Autonomie und Solidarität durch Selbstorganisation, Horizontalität, Mitentscheidung, Zirkularität, Engagement und Partizipation. Sie umschließt Werkzeuge der breiteren revolutionären Bewegung. Die grundlegenden Merkmale und Aspekte sind das Gemeinschaftsrecht an Ressourcen, Strukturen und Infrastrukturen.“ (Ausschnitt von der Homepage von Prosfygika)

Grundprinzip ist der Konföderalismus, Prosfygika steht in Verbindung mit der kurdischen Bewegung. Mit internationaler Solidarität ist neben der Nähe zur kurdischen Freiheitsbewegung auch die Verbindung zum Zapatismus gemeint.

Nach etwa einer Woche in der Nachbarschaft des Squats, beginne ich die sozialen, organisatorischen und politischen Strukturen zu verstehen. Dazu gibt es eine Satzung der Community, die ich aufmerksam lese und dort auch mehr verstehe, wie die Infrastruktur aufgebaut ist und welche Bezüge zu autonomen Bewegungen bestehen. Die Sy.Ka.Pro., also die Versammlung der besetzten Prosfygika ist das oberste politische Entscheidungsgremium der Gemeinschaft. Angelehnt an die kurdische Freiheitsbewegung ist der Prozess der Kritik und Selbstkritik eine formale Funktion der Prosfygika Gemeinschaft, der in der Regel durch Arbeitsgruppen, Versammlungen, Überprüfungsversammlungen usw. stattfindet. Es soll die individuelle und kollektive Empathie gestärkt werden.

Für die Reflexion ist eine allgemeine lange Versammlung alle 2, spätestens aber alle 3 Jahre, vorgesehen. Eine kürze Versammlung zur Revision findet einmal im Jahr statt, jedoch spätestens alle 2 Jahre. Auf diesen Versammlungen wird besprochen, was in der vergangen Zeit war und was auf der Grundlage dessen kommen wird. Alle Versammlungen werden auf Englisch übersetzt, um den Menschen, die verschiedene Sprachen sprechen, die Teilnahme zu ermöglichen. Übersetzungen sind ein wesentlicher Bestandteil der Gemeinschaft und der kollektiven Verantwortung. Die Treffen finden so mindestens auf griechisch und englisch statt. Für Prosfygika ist Kommunikation grundlegend für Gleichheit und Solidarität und setzt den Grund für eine größere Freiheit und Horizontalität voraus. In der Satzung ist die Anmerkung zu lesen, dass Kommunikation weder Klatsch noch verschwendete Zeit wäre.
Wenn ich durch die Zwischenräume der Blöcke laufe, die inzwischen meistens als Parkplatz genutzt werden, begegne ich verschiedenen Menschen der Community. Insgesamt leben hier um die 400 Menschen, davon sind etwa 150 Mitglieder der Gemeinschaft. Für die Neuaufnahme von Mitgliedern, sowie auch für Gäste von Mitgliedern oder auch der Community gibt es klare Vereinbarungen. So auch im Falle des Austritts eines Mitgliedes. Bedingungen sind bspw. Das Einbringen in die Community durch Übernahme von Verantwortlichkeiten und bzw. oder Reproduktionsaufgaben. Organisiert wird sich in Arbeitsgruppen, die kleinere Entscheidungen autonom treffen können.

„Die Genoss*innen der Gemeinschaft tragen ihren Teil mittels ihrer Fähigkeiten bei um übermäßige Anhäufig von Arbeit an Einzelnen zu verhindern (Engagement und Zirkularität, Partizipation). Weiterhin gilt das Prinzip der kollektiven Verantwortung; das heißt „Die Gemeinschaft ist für die Aktivitäten/das Funktionieren jedes ihrer Mitglieder verantwortlich und jedes Mitglied ist für die Tätigkeit/das Funktionieren der Gemeinschaft verantwortlich.“

Es existiert eine Infrastruktur, die auch Überschneidungen mit den Arbeitsgruppen hat. So gibt es eine kollektive Bäckerei, bei die Bewohner:innen Brot erhalten können sowie eine Struktur, bei der Menschen zum Markt gehen und das übrige Obst und Gemüse einsammeln und in die Nachbarschaft bringen.
Es gibt einen Ort für Kinder und eine dazugehörige Arbeitsgruppe, ein kollektives Kaffee bzw. ein Kiosk der mehrmals die Woche zum sozialen Rumhängen einlädt. Sonntags finde ich mich in der Baugruppe wieder, die Wohnungen renoviert und instand hält. Einmal die Woche gibt es gemeinsames Essen in der kollektiven Küche. Die Technik und das Internet wird durch Arbeitsgruppen kollektiv verwaltet. Zwischendurch lässt sich zu bestimmten Zeiten im Umsonstladen stöbern und Abends- wenn gerade kein anderes Treffen ansteht, den Griechisch- oder Englischkurs besuchen. Wer also noch keine der beiden Sprachen beherrscht um in der Community sozial oder politisch teilnehmen zu können, kann hier vor Ort Sprachen lernen. Zur Infrastruktur gehört auch das sogenannte „socialcenter“, in dem sich auch eine Bibliothek befindet und welches für interne und öffentliche Veranstaltungen und Plena genutzt wird. Zusätzlich zu einem großen Plenum gibt es dort unter anderem jeden Woche auch das „women cafe“, in dem FLINTA*s unter sich sprechen. Es gibt weiterhin eine Gemeinschaftsküche, in der das wöchentliche Essen und auch diverse andere Veranstaltungen für die Community stattfinden. Die Strukturen, die Infrastrukturen sind, aber auch alle Materialien, die sie beinhalten, sind gemeinsames Eigentum.

Revolutionäre Gemeinschaft

Während der Zeit hier, bekomme ich immer mehr das Gefühl, die Nachbarschaft nur zum Kaffee holen und Tabak kaufen zu verlassen. Doch SY.KA.PRO. Will mehr als politisch und räumlich nur in der Nachbarschaft zu bleiben. Es gibt Vorschläge, bezüglich einer politischen Öffnung nach den Prinzipien des Konförderalismus und dem Konzept des kommunistischen Anarchismus nach Nestor Machno.
Aufbauend auf den lokalen Bedürfnissen soll eine Gemeinschaft auf der Basis des Konförderalismus aufgebaut werden, eine Verbindung mit einander geschaffen werden. Diese Verbindung soll offen sein zu vielen (linken) Strömungen, verschiedene politische Perspektiven arbeiten miteinander. Dabei sollen soziale, politische und militante Organisationen miteinander in Verbindung gebracht werden. SY.KA.PRO will in Orientierung am Plattformismus Verbindungen auf den Ebenen von Athen, Griechenland, Europaweit und weltweit aufbauen.
Vorschläge für die Struktur sind eine monatliche Großversammlung und wöchentlich kleinere Treffen. Bestandteile der Treffen sollen Praxis, politische Theorie und Reflexion – auch in Form von Kritik und Selbstkritik, sein. Statt einer reinen Praxis, sollen die Treffen zur politischen Theorie und Reflexion den Prozess durch das Lernen aus dem Vergangenem ergänzen. Gemeinsame Grundlage der Zusammenarbeit mit verschiedenen Individuen, Gruppen und Strukturen ist die Zustimmung zu dem, was Prosfygika als politisches Verständnis mitbringt. Dies schließt nicht aus, das die Beteiligten andere Perspektiven mitbringen.Als ich Abreise, befindet sich die politische Öffnung im Prozess. Wobei ich davon ausgehe, das Organisierung ein fortlaufender Prozess ist und die Beschreibung des Zustands eine Momentaufnahme. Die Gemeinschaft lebt von ihren Mitgliedern, das Einbringen und dem Austausch von und mit Internationalist:innen. Menschen können Prosfygika supporten, in dem sie dort leben, ein Teil der Struktur sind und in den Austausch über die Verteidigung gehen.

Heute prasselt der Regen gegen die Fensterscheiben, der Wohnung in der Nachbarschaft von Prosfygika. Die Stadt Athen möchte im Rahmen ihrer Gentrifizierungspläne, den ersten Block, in dem sich das Socialcenter befindet, in ein Museum für Migrant:innen aus der Zeit um 1944 machen. Wer weiß, was dann mit den 7 weiteren Wohnblöcken geschieht, die unter Denkmalschutz stehen, aber ebenfalls gefährdet sind, da auf der Agenda die „Verschönerung des Stadtbildes“ steht…

Für die Nachbarschaft bedeutet dies, eine akute Gefahr der Räumung aus den Gebäuden. Prosfygika ist mit den Gebäuden und den Bewohner*innen, Mitgliedern und Aktivist*innen eine organisierte Basis.

Es gilt also: Verteigt Prosfygika!

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